Geschichten aus 125 Jahren Handwerkskammer Erfurt
Seit 125 Jahren begleitet und unterstützt die Handwerkskammer Erfurt die Entwicklung und das Wachstum des Handwerks in der Region. Auf dieser Seite erzählen Handwerkerinnen und Handwerker aus verschiedenen Generationen ihre ganz persönlichen Geschichten und Erfahrungen.
Diese Erzählungen spiegeln nicht nur die Veränderungen im Handwerk wider, sondern auch die Leidenschaft und das Engagement, die dieses Handwerk seit jeher prägen. Die Geschichten werden im Laufe des gesamten Jubiläumsjahres fortgeführt und hier regelmäßig veröffentlicht.
Bäckerei aus Kranichfeld findet neuen Weg nach dem plötzlichen Tod ihres Gründers.
(von Paul-Philipp Braun)
Es war ein Schock – für Katrin Achilles, ihre Zwillinge und irgendwie auch den ganzen Ort. Überraschend und plötzlich war Kranichfelds Bäcker Veit Flassig kurz vor dem letzten Jahreswechsel verstorben. Mit nur 59 Jahren hinterließ er seine Frau, die beiden gemeinsamen Kinder und eine traditionsreiche Bäckerei. „Das war immer sein Baby“, erinnert Katrin Achilles sich heute. Für sie brach mit dem Tod des geliebten Mannes eine Welt zusammen. Und doch stand fest, dass es weitergehen soll – auch mit der kleinen Bäckerei vor den Toren der Thüringer Landeshauptstadt.
Nach gut fünf Monaten Zwangspause heizte die Bäckerei Veit Flassig wieder ihren Ofen an. Der neue Bäcker heißt André Helmke und hat seinen Meister im elterlichen Betrieb in Erfurt gemacht. Die Verbindung zwischen Helmke und Katrin Achilles besteht schon lang. „Er hat damals dort gelernt, wo mein Mann als Geselle arbeitet“, erzählt sie. Über Facebook habe er vom Tod des einstigen Kollegen erfahren, Katrin Achilles habe ihn dann angeschrieben und von ihrer Situation einer Bäckerei ohne Bäcker berichtet. Helmke kündigte daraufhin seine Anstellung in einem Unternehmen nördlich von Erfurt und stieg in den Betrieb in Kranichfeld ein. „Das war anfangs echt eine riesige Umgewöhnung, vor allem weil der Ofen ein ganz anderer ist. Da gingen die ersten Test-Brote schon dunkler, als erwartet“, erzählt André Helmke. Inzwischen habe er sich aber an den mehr als 60 Jahre alten gemauerten Ofen gewöhnt, könne mit dem Hitzespeicher in den Steinen umgehen und Brot und Brötchen bekämen ideale Farbe.
Dass diese Farbe aber ganz bewusst bisweilen variiert, erfahren alle, die zum Wochenende hin doppelte Brötchen wollen. „Wir haben die Normalen und noch etwas Hellere, die gut auf dem Grill gelegt werden können“, erklärt Katrin Achilles. Insgesamt ist das Angebot des kleinen Geschäfts in Kranichfeld vielleicht etwas weniger vielfältig als in einer Großbäckerei, dafür aber oftmals besser bekömmlich. „Viele unserer Kundinnen und Kunden vertragen die natürlichen und nachvollziehbaren Zutaten einfach besser“, erklärt Bäckermeister Helmke und Katrin
Achilles fügt hinzu: „Unser Mehl bekommen wir zum Beispiel aus einer ganz kleinen Mühle in Möhrenbach im Ilm-Kreis.“
Aus diesem Mehl entstehen aber nicht nur Brot und Brötchen, sondern vor allem Teilchen und Kuchen. „Um die Kuchen kümmere ich mich selbst“, erzählt Katrin Achilles, die eigentlich aus der Gastronomie stammt, zusammen mit Mann Veit Flassig 2016 aber von Erfurt nach Kranichfeld zog und die Traditionsbäckerei übernahm. Dass diese nun, trotz des Tods des Bäckers, wieder eine Zukunft hat, ist ihrem Engagement und ihrem Durchhaltewillen zu verdanken. Von diesem profitieren so nicht nur das Unternehmen und die Familie, sondern auch der kleine Ort Kranichfeld.
Die Bäckerei Veit Flassig in Kranichfeld hat nach dem Tod des Namensgebers wieder eine Zukunft, seine Frau Katrin Achilles und der befreundete Bäckermeister Andre Helmke übernehmen.
Wilhelm Brückner, Deutschlands ältester noch wirkender Geigenbaumeister aus Erfurt, ist verstorben
Bis ins hohe Alter arbeitete Wilhelm Brückner zusammen mit Tochter Ruth und Enkel Christoph in der seit 1897 in Erfurt beheimateten Werkstatt. Zu Jahresbeginn ist der international hoch geachtete Geigenbauer nach kurzer Krankheit im Alter von 92 Jahren verstorben.
Nach seiner Ausbildung in Markneukirchen übernahm Wilhelm Brückner 1960 die schon vom gleichnamigen Großvater 1897 gegründete Geigenbaufirma. Obwohl der selbständige Geigenbau zu DDR-Zeiten mit großen Problemen zu kämpfen hatte, eroberte er sich bald einen Platz in der Weltspitze der besten Geigenbauer. Spätestens die Erringung der Goldmedaille 1972 beim renommierten polnischen Geigenbauwettbewerb Henry Wieniawski brachte ihm den internationalen Durchbruch.
Eigenes Bratschenmodell
Zahlreiche internationale Preise und Auszeichnungen folgten. Wilhelm Brückner gehörte 1978 zu den Gründern der Fachgruppe der Geigenbauer der DDR und wurde ihr stellvertretender Vorsitzender. Die Fachgruppe bemühte sich vorrangig um eine bessere Ausstattung mit Materialien, eine fundierte Ausbildung des Nachwuchses und um eine bessere internationale Vernetzung ins westliche Ausland.
1976 entwickelte Wilhelm Brückner in Zusammenarbeit mit renommierten Professoren ein eigenes Bratschenmodell, die sogenannte „breitarschige Brücknerbratsche“, eine besonders sonor klingende und weittragende Viola, die seither auch von zahlreichen Kollegen kopiert wurde. Im September 1979 wurde Wilhelm Brückner als erster Geigenbauer überhaupt in den Verband bildender Künstler aufgenommen, was Reisen und die Übernahme von Lehraufträgen im westlichen Ausland wesentlich erleichterte.
350 eigene Instrumente
Bis zu seinem 90. Geburtstag arbeitet Wilhelm Brückner fast täglich in der Werkstatt. Rund 350 Instrumente, darunter Geigen, Bratschen, Celli und mitunter auch spezielle Instrumente wie Tanzmeistergeigen, hat er selbst gebaut, unzählige repariert und begutachtet. Zu seinen Kunden gehörten renommierte Solisten auf allen Erdteilen.
Kurz vor seinem eigenen Tod schrieb der große Dirigent Kurt Masur noch an Tochter Ruth Brückner: „Die Instrumente Ihres Vaters waren immer so wertvoll, dass man sie klanglich mit alten Italienischen vergleichen konnte. Die Tätigkeit eines Geigenbaumeisters ist eine künstlerisch hocheinzuschätzende, denn sie müssen nicht nur die handwerklichen Kenntnisse, sondern auch das Ohr eines Musikers und das Fingerspitzengefühl besitzen, um solche wertvollen Instrumente zu bauen. In Hochachtung und lebendiger Erinnerung an Ihren Vater - Ihr Kurt Masur“.
Arbeit für Generationen
Der unübersehbare Schriftzug „W. Brückner Geigenbauer“, welcher die Geigenbauwerkstatt in der Erfurter Regierungsstraße seit 120 Jahren ziert, wird noch lange an diesen Kunsthandwerker von Format erinnern, wie auch seine vielen hundert hölzernen „Kinder“ aus Ahorn, Ebenholz, Fichte und Pappel, die Menschen in den Konzertsälen seit vielen Jahren und noch über viele Generationen begeistern werden.
Wilhelm Brückner galt als der älteste noch aktive Geigenbauer Deutschlands. Anfang des Jahres ist er im Alter von 92 Jahren verstorben.
Friseurmeisterin Uta Bohrer aus Bleicherode hat sich bei einem Sturz beide Unterarme gebrochen und sucht nach Unterstützung
Es war ein Wimpernschlag, der das Leben von Uta Bohrer auf den Kopf gestellt hat. Anfang des Jahres ist die 59-jährige Friseurmeisterin bei Reinigungsarbeiten in ihrem Salon gestürzt und hat sich beide Unterarme gebrochen. „Ich wollte erst nicht wahrhaben, dass etwas passiert ist, aber der Schmerz wurde immer größer und ich musste der Realität ins Auge sehen“, sagt die Frau, die unter Vollnarkose operiert werden musste und nun an der rechten Seite eine Orthese trägt und an der linken Seite einen Gips. Bis zu vier Monate ist sie außer Gefecht gesetzt.
Und das ist ein echtes Problem für sie und ihre Haarstube in Bleicherode im Landkreis Nordhausen. „Ich habe zwei Angestellte, die verkürzt arbeiten. Wir sind ein tolles Team, es ist ein Geben und Nehmen, aber sie können meinen Ausfall nicht kompensieren. Wir müssen vielen Kunden absagen“, bedauert die Thüringerin. Statt sich vor allem Ruhe zu gönnen, versucht Uta Bohrer Lösungen zu finden, um den Betrieb in den nächsten Wochen aufrechterhalten zu können, ohne zu viele Kunden zu verprellen.
Fachkräftemangel und Steuerhürden
Leicht ist das nicht – auch wenn das Handwerk zusammenhält und sie viele ermutigende Anrufe erhalten habe. Einerseits sei der Fachkräftemangel in der Branche deutlich zu spüren. „Es gibt kaum Friseure in unserer Region. Wir brauchen unbedingt wieder mehr Nachwuchs, der diesen tollen Beruf erlernt. Wir können in der Zukunft nicht nur auf Roboter setzen“, sagt Uta Bohrer. Andererseits würden denjenigen, die sie unterstützen möchten, Steine in den Weg gelegt. „Eine Friseurin könnte einige Stunden abdecken, hätte dann aber höhere Abgaben und würde Minus machen. Es kann doch nicht sein, dass sie Nachteile bekommt, weil sie mir helfen möchte“, erklärt die Betriebsinhaberin, die selbst erst eine hohe Steuernachzahlung leisten muss. „Wie waren im vergangenen Jahr sehr fleißig, sind unseren Kunden entgegengekommen und werden dafür bestraft. Das ist frustrierend.“
Und trotzdem: Uta Bohrer denkt nicht daran, den Betrieb (kurzfristig) zu schließen. „Aufgeben gibt es bei mir nicht“, betont sie. Die Haarstube ist das Herzensprojekt der Friseurmeisterin. Nach vielen Jahren im Angestelltenverhältnis verwirklichte sie in ihrem Elternhaus ihren Traum vom eigenen Salon, den sie von der Pike auf selbst gestaltet hat. Seit November 2016 verschönert sie hier die Köpfe ihrer Kunden. „Wir decken eine breite Palette an Aufgaben ab, haben mit interessanten Menschen zu tun und setzen unsere Sprache ein. Was ich an meiner Arbeit am meisten mag: Ich schließe eine Frisur von Anfang bis Ende ab. Und wenn der Kunde zufrieden ist, erfreut es auch mein Herz.“
Das soll auch so bleiben – trotz Handicap, das noch reichlich Ergo- und Physiotherapie abverlangen wird. „Ich habe eine langfristige Lösung in Aussicht, aber den Februar müssen wir noch überbrücken. Ich versuche, mich frei zu machen von Ängsten und Existenzsorgen und glaube daran, dass es sich fügen wird“, sagt Uta Bohrer.
Uta Bohrer ist zum Stillstand gezwungen: Nach einem Sturz bei Reinigungs-arbeiten kann sie aktuell nicht in ihrer Haarstube in Bleicherode arbeiten.
Auch im hohen Alter steht Otto-Ulrich Vollmann noch an der Schleifmaschine
Erst Anfang März hat Otto-Ulrich Vollmann seinen 82. Geburtstag gefeiert. Sich vollständig zur Ruhe zu setzen und seinen Lebensabend zu genießen, kommt für ihn trotzdem nicht in Frage. Von Montag bis Freitag steht der Mann aus Weimar in seiner Werkstatt, drei, vier Stunden am Tag an der Schleifmaschine. „Ich liebe meine Arbeit und brauche sie auch. Sie ist mein Lebensinhalt. Irgendwann müssen sie mich hier raustragen“, sagt der Instrumentenschleifermeister.
Das Handwerker-Gen wurde Otto-Ulrich Vollmann in die Wiege gelegt. Sein Vater stammte aus der für ihre Messer und anderen scharfen Sachen bekannten Stadt Solingen, wo er sich als Scherenschleifer selbstständig gemacht hatte, bevor er 1936 nach Weimar zog. In der Goethe- und Schillerstadt lernte auch der Sohn das Handwerk und legte 1968 die Meisterprüfung in Dresden ab. „Aus der gesamten DDR wurden sieben Prüflinge zusammengekratzt“, erinnert er sich.
Chirurgische Instrumente der DDR
In den 1970er-Jahren hat er den Betrieb, der im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Bestehen feierte, übernommen – und durch bewegte Zeiten geführt. Während er bis zum Mauerfall vor allem chirurgische Instrumente wie Amputationsmesser, OP-Scheren oder Skalpelle für den gesamten Bezirk Erfurt schärfte, arbeitet er heute vor allem für Handwerker – Fleischer, Friseure und Fußpfleger, zum Beispiel – Köche, Privatleute und Liebhaber alter Werkzeuge. Sein Anspruch: Abgenutzten Dingen neues Leben einhauchen und gute Qualität liefern. „Kleine Herausforderungen, wie neulich eine Handheckenschere aus dem Bauernkrieg, spornen mich besonders an.“
Der 82-Jährige, der mit der Arbeit nicht zuletzt seine Rente aufbessert, schärft Äxte, Hackbeile, Kreissägen, Messer, Sensen und Sicheln und verpasst ihnen einen besonderen Wellenschliff. „Mein Mann arbeitet freihändig an der Schleifmaschine. Das ist fast kein Handwerk mehr, sondern Kunst“, sagt Frau Gabriela, die sich um die Buchhaltung und den Kundenkontakt kümmert. „Es rufen immer wieder Leute an und fragen, ob er es denn noch macht. Ja, er macht es noch. Ich finde es bewundernswert, dass er seine Bestimmung gefunden hat. Und das schon seit 68 Jahren“, sagt sie.
So lange es geht
Zweifel habe Otto-Ulrich Vollmann nie gehegt: „Ich habe nie über einen anderen Beruf nachgedacht, wirklich nie. Ich kann jungen Menschen nur raten, einen Handwerksberuf zu erlernen. Ich jedenfalls will noch so lange arbeiten, wie es geht.“
Trotz seines hohen Alters steht Otto-Ulrich Vollmann täglich für einige Stunden an der Schleifmaschine in seiner Werkstatt in Weimar.